Der genetische Rahmen
01.05.2008 
24.05.2008  zuletzt aktualisiert

Das genetische Erbgut einer Art oder Rasse wird durch die Fortpflanzung stets neu gemischt. Mit jeder Paarung entstehen neue Kombinationen. In der Natur setzen sich diejenigen durch, die mit den Umweltbedingungen am besten fertig werden. Die Schlechteren werden bei der Selektion durch Mutter Natur unerbittlich ausselektiert (ein kurzsichtiger Adler wird niemals Junge großziehen, weil er vorher verhungert ist).

Bei den Haustieren und damit auch bei den Schafen hat der Mensch die Aufgabe der Selektion übernommen. Bei verantwortungsvoller Selektion müßte der Zuchtfortschritt sich ständig in Richtung der durch die Rassebeschreibung festgelegten Eigenschaften bewegen. Dennoch muß man feststellen, daß bei dem einen Züchter die gewünschten Eigenschaften nicht erkennbar gesteigert werden, während der andere Züchter dem Zuchtziel sehr nahe kommt bzw. es sogar übertrifft.

Der Grund für diesen Unterschied ist der genetische Rahmen in Verbindung mit den Umweltbedingungen. Dabei muß man unterscheiden zwischen:

1. der reinen genetischen Veranlagung und
2. der Ausprägung, den diese durch die Umweltbedingungen
     beim Züchter bzw. Halter des Tieres erfährt.

zu 1.)  die reine genetische Veranlagung
           Die Verbesserung der Genetik kann erfolgen durch:

a)  Auswahl beim Zuchttiereinkauf;
Ein Zuchttier von einem Züchter mit langjähriger Zuchterfahrung und kontinuierlichen Zuchterfolgen über viele Jahre hinweg bietet mehr Sicherheit für den Zuchterfolg als der Kauf eines "Zufalltreffers".

b)  Sicherstellung der genetischen Vielfalt der Zuchttiere;
Schafe, deren Abstammung nur auf wenigen oder gar nur einer Linie beruht, mögen im Einzelfall sehr gute Leistungen bringen. Damit im Zusammenhang steht aber leider sehr oft eine größere Anfälligkeit gegenüber Krankheiten, eine geringere Vitalität bei der Geburt, meist verbunden mit einer höheren Mortalitätsrate. Wird die genetische Vielfalt noch weiter eingeengt (z.B. durch Inzucht) kann es letztendlich zu Inzuchtdepressionen wie z.B. Mißbildungen kommen.
In unserer Suffolkzucht haben wir dieses Problem umgangen, indem wir Zuchttiere bzw. Samen aus vielen Ländern der Erde in unserer Herde eingesetzt haben. Zuchtböcke werden in der Regel nur 2 - 3 Jahre genutzt. Fast jedes Jahr werden neue Böcke importiert, um neue Blutlinien zu begründen.

c)  Auswahl der Muttertiere nach gesicherten Leistungsdaten
Alle Nachkommen eines Bockes werden nach der bei allen Tierarten angewendeten BLUP-Zuchtwertschätzung leistungsgeprüft, d.h. es werden die Lämmer im Alter von 80 - 120 Tagen gewogen, ultraschallgetestet auf Muskelstärke und Fettauflage und zusätzlich durch Betrachtung der Gesamterscheinung mit einem Zahlenwert für die Bemuskelung versehen.
Gegenüber der Stationsprüfung, bei der nur 5 - 8 männliche Nachkommen eines Bockes mit reinem Kraftfutter gemästet werden, hat diese Methode den Vorteil, daß statt der 5 - 8 männlichen Nachkommen alle (mindestens 20) Nachkommen beiderlei Geschlechts - oftmals 100 und mehr - unter natürlichen Feldbedingungen wie sie auch später bei unseren Kunden vorherrschen, geprüft werden.
Wegen der eindeutigen Vorteile hat diese Zuchtmethode sich weltweit durchgesetzt. Lediglich in Deutschland gibt es noch Landesverbände, die die Stationsprüfung betreiben, weil sie sich über die immer noch gezahlten staatlichen Zuschüsse zur Maststation finanzielle Vorteile für den Verband erhoffen. Wenn man einmal kritisch die Leistungsdaten der letzten 20 Jahre aus den Stationsprüfungen betrachtet, sieht man, daß für Schafzüchter und Schafhalter kein Vorteil damit verbunden ist.
Ein weiterer Vorteil der Prüfung ALLER Nachkommen ist, daß man auch bei den weiblichen Nachkommen exakte Leistungsdaten hat bzgl. Tageszunahmen, Fruchtbarkeit, Fleisch und Fett, die man bei der Auswahl der weiblichen Nachzucht mit berücksichtigen kann. Wir haben dadurch unseren Zuchtfortschritt erheblich erhöhen können.

zu 2.) Ausschöpfung des genetischen Rahmens durch optimale
           Umweltbedingungen

Um das genetische Fenster in seinen ganzen Möglichkeiten zu nutzen, muß der Züchter seinen Schafen durch entsprechende artgerechte Haltung, Gesundheitsvorsorge und Fütterung alles zur Verfügung stellen, damit die Gene bei der Umsetzung in Leistungsmerkmale an den oberen Rand des Rahmens gelangen können. 

Denn eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Für die Umsetzung der genetischen Möglichkeiten ist eine ideale Umwelt nötig - egal ob diese von der Natur oder dem Menschen gestellt wird.
Es wäre aber ein großer Irrtum, unter "idealer Umwelt" eine reine Kraftfuttermast zu verstehen. Schafe als Wiederkäuer sind Tiere, deren natürliche Umwelt die Weidehaltung ist. Sicherlich ist dabei ein Unterschied zu machen zwischen Landschafen, die mit schlechteren Ernährungsverhältnissen leben können, weil ihr genetisches Ziel das Überleben in karger Umwelt ist und nicht wie bei Fleischschafen die größtmögliche Umwandlung von Pflanzen in tierisches - also für den Menschen verwertbares - Eiweiß.

Die Fleischschafe hingegen stellen höhere Ansprüche an die Ernährung. Trotzdem sollte auch hier - besonders aber nicht nur im Hinblick auf die stark gestiegenen Kraftfutterkosten - die Weidehaltung und die Verwertung von Gräsern im Vordergrund stehen. Um dieses Ziel zu erreichen, verfahren wir wie folgt:

Die Schafe werden im Winter aufgestallt, die Lammung erfolgt von Januar (ältere Muttern) bis Mai (Lammmuttern).  Die Lämmer werden im Alter von 2 Monaten abgesetzt, so daß nur die spätlammenden jungen Muttern mit ihren Lämmern auf die Weide kommen (Besatz: ca. 12 Muttern/ha). Die älteren frühlammenden Muttern kommen schon im März nach dem Absetzen wieder auf die Weide (Besatz: ca. 14 - 17 Muttern/ha). Alle Weiden werden 2 x im Jahr übergemäht (Schnitthöhe ca. 7 cm), das Gras am Tag nach der Mahd in Rundballen gepreßt und im Winter als Silage verfüttert.

Bei dieser Weidenutzung haben die Schafe - und auch die Böcke - immer junges Gras zur Verfügung und das Gras, welches im Sommer nicht gefressen wird, kommt im Winter auf den Futtertisch, so daß kein Weideaufwuchs vergeudet wird.
Kraftfutter gibt es nur für die ganz jungen Lämmer ad libitum im Automaten. Nach dem Absetzen bekommen die weiblichen Lämmer bis zu 6 Monaten ca. 750 g täglich, die Bocklämmer bzw. die Lammböcke bis zur Körung etwas mehr.
Schwerpunkt der Ernährung muß aber auch hier die Grasnutzung bleiben. So ist sichergestellt, daß unsere Kunden stets weidefähige Tiere erhalten.

(24.05.2008) Die weithin bekannten Fachbuchautoren
Dr. Wolfgang Schlolaut und Prof. Dr. Günter Wachendörfer 
in dem Handbuch der Schafhaltung, 5. vollkommen überarbeitete und erweiterte Auflage S. 140:

"Die Meinung von der Anspruchslosigkeit des Schafes wurde im Vergleich zur Fruchtbarkeit und der Gewichtsentwicklung durch das von der Nährstoffversorgung weniger abhängige Wachstum der Wolle geprägt. Die Ansicht wurde dadurch begünstigt, dass die Folgen einer Mangelernährung durch das Wollvlies verdeckt werden. Darauf fußend, wird von nicht wenigen Schafhaltern die Mangelernährung der Schafe als Ideal angesehen und eine der Leistungsveranlagung entsprechende, optimale Ernährung als „intensiv", d. h. nicht schafgerecht diskriminiert.

Das Schaf gehört damit zu den wenigen Nutztierarten, bei denen die suboptimale Fütterung, d. h. die Mangelernährung, der Jungtiere die Regel und bei den hochtragenden und säugenden Mutterschafen weit verbreitet ist. Ein Phänomen, welches beim Vergleich der Ergebnisse von Wirtschaftlichkeitskontrollen in Praxisbetrieben mit denen von Mastleistungs- und Rassenvergleichsprüfungen offenbar wird. Die optimale, leistungsgerechte Fütterung hat somit eine entscheidende Bedeutung, wenn das Schaf im Wettbewerb mit den anderen fleischerzeugenden Nutztierarten bestehen soll. Sie ist kurzfristiger und einfacher zu realisieren, als es Leistungssteigerungen durch züchterische Maßnahmen sind. Ganz abgesehen davon ist es wenig sinnvoll, die genetische Leistungsveranlagung weiter zu verbessern, wenn nicht von den Möglichkeiten Gebrauch gemacht wird, die vorhandenen Anlagen durch die Verbesserung der Umweltbedingungen, d. h. auch der Fütterung, zu realisieren."